Ein Beitrag von Christiane Iven zum Akademietag „Theater und Kritik“ der Theaterakademie August Everding am 16.11.2017.

Sänger:innen sind in ihrem Beruf ständig der öffentlichen Bewertung ausgesetzt.

Vom Publikum, den (manchmal missgünstigen) Kolleg:innen, von Dirigent:innen, Opernintendant:innen, Regisseur:innen, von Menschen, die Kunst vermitteln und verkaufen.

Und von Musikjournalist:innen, deren Urteile Karrieren aufbauen und auch zerstören können und deren Bedeutung angesichts der Begrenztheit der Meinung eines Einzelnen unverhältnismäßig mächtig ist.

Und nicht zuletzt ist bei Sänger:innen die Bewertung des eigenen Könnens oftmals auch von blockierender und übertriebener Selbstkritik geprägt.

Es auszuhalten unablässig bewertet und eben leider auch oft destruktiv beurteilt zu werden, ist eine nicht zu unterschätzende Herausforderung an die emotionale Stabilität einer Sänger:in.

Sich singend künstlerisch auszudrücken mit größtmöglicher Durchlässigkeit und Empfindsamkeit und gleichzeitig unberührbar zu sein gegenüber verletzender Abwertung, ist ein nicht zu lösender Widerspruch und ein Spannungsfeld, in dem jeder seinen eigenen Weg finden muss.

Viele von uns wissen, wie schwierig das ist und wie unsere Selbstwahrnehmung häufig von defizitärem Denken geprägt ist!

Ein typisches Beispiel: Eine Premiere lief gut, die eigene Leistung war rundum gelungen, das Publikum euphorisch, Menschen, deren Urteil wichtig ist, glücklich, viele Kritiken sehr positiv.

Und dann steht in einem Feuilletonbeitrag, in einem kleinen Nebensatz eine unbedeutende kritische Einschränkung oder ein Zuhörer lässt im Gespräch eine irritierende Bemerkung fallen und schon kann es sein, dass die Gedanken nur noch darum kreisen. Alles Lob ist unter Umständen hinfällig und unbedeutend. Die Abwertung bekommt, von außen betrachtet, ein absurd großes Gewicht.

Warum?

Sänger:innen sind besonders verwundbar. Verständlich, da die eigene Stimme Teil der Persönlichkeit ist und die Grenzen zwischen ihrer Stimme und ihrem Sein fließend sind.

Das Instrument ist der eigene Körper, welcher nicht abgelegt werden kann, wie eine Geige oder die Trompete. Wer das Singen kritisiert, kritisiert das Instrument und damit die ganze Person.

Ignorieren oder verdrängen wir das, wirkt es wie ein schleichendes Gift. Unser Selbstvertrauen wird geschwächt, wir entwickeln Ängste oder auch psychosomatische Krankheiten. Bei Sänger:innen leider keine Seltenheit.

Um uns emotional und mental zu stärken, hilft es, sich nicht zu verkriechen, sondern den Verunsicherungen ins Auge zu schauen und einiges zu beachten:

  • Akzeptanz stärkt das realistische Selbstbild: Es ist vollkommen in Ordnung empfindsam und verwundbar zu sein. Es gehört ebenso zu diesem Beruf, wie die Notwendigkeit das emotionale Gleichgewicht zu schützen.
  • Die kritische Beurteilung hat unter Umständen einen wahren Kern. Ich kann ihn entdecken und lernen konstruktiv für mich daraus einen Nutzen zu ziehen. Was kann ich tun und verändern? Welche Lösungsmöglichkeiten stehen mir zur Verfügung? Welche Unterstützung kann ich mir suchen?
  • Die Stimme ist ein wesentlicher Ausdruck meines Selbst, aber sie ist eben nur ein Teil davon. Wenn ich eine tiefe und befriedigende Verbundenheit auch mit anderen Ausdrucksmöglichkeiten meiner Persönlichkeit und Gefühle entdecke und auslebe, schütze ich mich vor zermürbender Selbstabwertung.
  • Perfektionismus schwächt mich. Keiner kann und darf von mir verlangen perfekt zu sein. Warum ist meine Leistung nur gut, wenn sie allen gefällt? Wieso verlange ich etwas von mir, was unmöglich ist und niemandem gelingt? Warum ist es mir wichtig die Beste zu sein, statt stetig besser zu werden?

Es möge helfen sich darauf zu besinnen, dass

  • Beurteilung und mögliche Abwertung der Arbeit nicht zwangsläufig die eigene Person betreffen,
  • nur wir selbst entscheiden, wie wir mit Kritik umgehen und sie konstruktiv nutzen können,
  • kein Mensch jedem gefallen kann und
  • nicht perfekt zu sein unsere Eigenart auszeichnet und uns von der Masse unterscheidet.