Bodenständig dem Himmel entgegen fliegen!

Professionelles Singen zu erlernen und zu lehren ist in seiner Fülle und Komplexität ein Abenteuer! Es findet statt in einem Raum scheinbarer Widersprüche.

Um Musik und Poesie mit unserer Stimme zum Klingen zu bringen, braucht es Natürlichkeit und Virtuosität, Fantasie und Kontrolle, Herzenswärme und Souveränität, Flexibilität und Struktur.

In diesen Gegensätzen zeigt sich eine tieferliegende, verborgene Einheit.

Es gilt eine gesunde Technik zu erlernen, um damit die hohen Anforderungen, die Musik, Sprache und Darstellung an uns stellen, gestalten zu können. Gleichzeitig bedarf es einer inneren Vorstellungskraft, Freiheit und Intuition, um die tieferen Schichten der musikalischen Werke zu erfassen und sie mit Klang und Ausdruck erfahrbar zu machen.

Wir brauchen, wie ein Baum, kräftige Wurzeln und eine nach oben strebende, elastische Baumkrone. Verankerung und Flexibilität. Erdung und Höhenflüge.

Eine positive Bereitschaftsspannung (die weder verspannt, noch entspannt ist), eine elastische Zwerchfell- und Atemaktivität, ein Gefühl für die eigene Resonanz, eine geöffnete, weite Kehle, eine aktive, aber gleichzeitig lockere Zunge und ein von jeglicher Verspannung entlasteter Kiefer sind die unmittelbaren technischen Voraussetzungen für den sogenannten „freien“ oder „befreiten“ Ton.

Dieses hochkomplexe, feinmotorische System zu erlernen und in ein gesundes Fließgleichgewicht zu bringen braucht viel Zeit, Geduld, ein gutes Gehör und eine sich ständig verbessernde Körperwahrnehmung.

Unser Instrument, die Stimme, ihr Klang ist jedoch nicht nur abhängig von der jeweils individuellen Anatomie unserer Körper, sondern darüber hinaus verbunden mit unserem Wesen und unserer Persönlichkeit.

Unser Stimmklang, unterstützt von Atmung und Zwerchfell (unserem „emotionalen Muskel“) drückt unsere Gefühle und Gestimmtheit aus. In ihm schwingt unsere Seele mit und ist in der Lage andere Menschen zu berühren.

Jede Stimme, jeder Mensch hat auf diese Weise eine besondere Individualität und Kostbarkeit, die es gleichermaßen zu schützen und zu fördern gilt.

Wir haben das Privileg auch Sprache gestalten und schauspielerisch durchdringen zu können. Das Wesen der Poesie und Literatur zu entdecken und in Verbindung mit der Musik theatralisch zu erzählen, ist das Faszinierende und Einzigartige an unserer Kunst.

Als Lehrerin sehe ich meine Aufgabe darin, die jeweiligen Stärken und Schwächen, das Temperament, die Vorlieben und Möglichkeiten der Auszubildenden zu erfassen sowie herauszufinden, wie diese in die beste Balance gebracht werden können.

Natürlich gehört dazu ein hohes Maß an Fachkenntnis, guter Beobachtungsgabe, diagnostischem Können und Erfahrung, aber auch kritische Selbstreflexion über die Art und Weise des eigenen Wirkens und die souveräne Fähigkeit die eigenen Unterrichtskonzepte immer wieder konstruktiv in Frage zu stellen.

Neben der Vermittlung einer gefestigten Technik und musikalischer Kenntnisse liegt mein Schwerpunkt im Unterricht darauf, die Autonomie, Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung der Auszubildenden zu fördern, als auch das Vertrauen in die eigenen, manchmal ungeahnten Möglichkeiten und Kraftressourcen zu stärken.

Die meisten von uns wissen, wie schwer es ist selbstkritisch zu sein ohne sich selbst als Person abzuwerten. Der Prozess des Lernens gelingt, wie auch die neuesten Studien der Neurobiologie belegen, so viel leichter, wenn wir nicht aus einer defizitären Perspektive auf uns schauen.

Wie sollen wir fliegen lernen, wenn wir uns selbst die Flügel stutzen?

In diesem Sinne freue mich über diesen wunderbaren Beruf und die Herausforderung andere Menschen eine gute Flugtechnik lehren zu dürfen.